RP, 29.07.2026, Moers
Jürgen Renn, Helmut Bien und Ernst Wissen auf dem Podium im Rittersaal des Moerser Schlosses. Foto: Armin Fischer (arfi)
Neues Talkformat begeistert mit Wissenschaft und Nostalgie
Moers · Der Rokokosaal im Moerser Schloss platzte bei der Premiere des „MoersSalon" aus allen Nähten. Einstein-Experte Jürgen Renn sprach über das Anthropozän und den Klimawandel. Die Botschaft des Abends trifft mitten ins Mark.
Von Sabine Hannemann
Der Rokokosaal im Moerser Schloss platzte beinahe aus allen Nähten, so stark war das Interesse an der Premiere vom „MoersSalon“. Das Kostenpflichtiger Inhalt neue Talkformat ist eine Idee von Helmut Bien, die in seinem Umfeld auf fruchtbaren Boden fiel. Unter der Ausgangsfrage: „Was macht eigentlich…?“ lädt er Menschen ein, die in Moers zur Schule gingen, um dann die Welt zu erobern. Eingeladen hatte er gemeinsam mit Ernst Wissen seinen ehemaligen Klassenkameraden Jürgen Renn und als Überraschungsgast Gerd Graßhoff in die gute Stube der Stadt.
Keine einmalige Sache, versprach Bien direkt zu Beginn der Podiumsdiskussion. Der „MoersSalon“, als private Initiative, ist auf regelmäßige Treffen mit Menschen ausgerichtet, die in Moers ihr Rüstzeug fürs Leben bekamen. Bien, Adolfiner und in der Boomer-Generation groß geworden, kann aus einem reichen Fundus an Menschen schöpfen, die in Moers eine prägende Zeit erfuhren. Sie ausfindig zu machen und nach Moers einzuladen, gehört zum Handwerkszeug des Orgateams. „Wie es früher war, was heute ist und wie es morgen sein kann“, seien dabei schon beinahe philosophische Ausgangsfragen, so Bien. Ein roter Faden, den Abend bestimmte.
Info
Termin für zweiten „MoersSalon“ steht fest
Unterstützer Unterstützt wird die Talkshow vom Grafschafter Museum, den Kulturprojekten Niederrhein, dem Schlosstheater Moers und dem Grafschafter Museums- und Geschichtsverein. Helmut Bien folgt bei der Auswahl der Gäste verschiedenen Kriterien: Beispielsweise welche Rolle haben die Gäste in der Stadt Moers gespielt, wie hat sie ihre Moerser Zeit geprägt und was haben sie der Stadt zu verdanken.
Anmeldung Schon jetzt steht der zweite Termin fest. Andreas Rostek, Sprecher Jugendzentrum Kastell, taz-Chefredakteur, Verleger „edition-fototapeta“ zu den Themen Mittel- und Osteuropa, wird am 10. November, im Schloss zu Gast. Um Spenden wird gebeten. Anmeldung erwünscht unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Das Publikum war gespannt. Manche kannten sich aus Schulzeiten und sind über die Jahrzehnte in Verbindung geblieben. Mit in den Reihen saß auch Altlehrer Dieter Schmitz, den mancher Adolfiner noch aus Unterrichtszeiten kennt. Andere hatten einfach Interesse daran, den Mann kennenzulernen, der einst die Moerser Astronomische Organisation (MAO) gründete, als Einstein-Experte gilt, ein Max-Planck-Institut gründete und zur Leopoldina, der ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum gehört.
Preis bei „Jugend forscht“
Einer Zeitreise glich die erste Talkrunde. Renn, gerade 70 Jahre geworden, erinnerte sich an seine Schulzeit, an die Augenblicke, als 1969 die Raumfahrt mit Apollo 11 Geschichte schrieb und er mit Klassenkameraden von Moers aus die Satelliten beobachten und den Blick auf den zerbrechlichen blauen Planeten richtete. Die Moerser Astronomische Gesellschaft hatte sich gegründet und bot unter anderem am Michaelturm in Schaephuysen astronomische Jugendlager. Renn wurde damals auch mit dem Jugend-forscht-Preis ausgezeichnet.
Politischer Aufwind und Mitbestimmung machten sich am Adolfinum bemerkbar. „Als 13-Jährige waren wir Zeitzeugen. Neugier trieb uns an. Wir verspürten Aufbruchstimmung und Selbstwirksamkeit“, so Renn rückblickend. Nach seinem Abitur 1974 ging er zum Studium nach Berlin und Rom. 
Von Helmut Bien stammt die Idee zum „MoersSalon“. Foto: Armin Fischer (arfi)
Untrennbar mit Jürgen Renn ist in der Wissenschaft der Begriff Anthropozän verbunden. Die Bezeichnung meint die eines neuen Erdzeitalters, das auf den niederländischen Nobelpreisträger Paul Crutzen zurückgeht. In diesem Zeitalter sei der Mensch die dominierende beschleunigende Kraft, die bereits mit der Industrialisierung einsetzte. Typisches Instrumentarium dieses Zeitalters sind Elemente wie steigende Bevölkerungszahlen, Flächenverbrauch, Nutztierhaltung und Treibhausgas-Ausstoß. Eine der schwerwiegendsten Folgen, laut Crutzen, ist der menschengemachte Klimawandel.
Vertane Chance
Wie es der Grafenstadt im Zeitalter des Anthropozäns und den unmittelbaren menschlichen Eingriffen durch den Bergbau und die veränderte Landschaft geht, verdeutlichten im Gespräch dann Jürgen Renn und Ernst Wissen. Zahlreiche Kohleschächte hätten das Ruhrgebiet ab 1900 geprägt. 28 Halden verändern heute die Landschaft. Das Verfüllen der Schächte sei eine vertane Chance. Grubenwärme hätte man geothermisch nutzen können, so ihr Fazit.
Einig waren sie sich darin, dass das Anthropozän wesentlich schneller als jedes andere Erdzeitalter fortschreite. Verantwortlich dafür sei immer besseres menschliches Wissen durch Forschung und die daran entwickelten neuen Technologien. Maßgeblich bliebe der C02-Ausstoß durch das Verbrennen fossiler Energieträger. Renn: „Mittlerweile nimmt der Energieverbrauch pro Kopf ab.“ Man nähere sich in Deutschland zwar einer Energiewende. Vom Ausbremsen des Klimawandels sei man weit entfernt. „Die Energiewende muss global erfolgen.“
Nach knapp zwei Stunden endete die Podiumsdiskussion, die einerseits ein bisschen Klassentreffen-Charme versprühte. Andererseits wurde dem Publikum mit den Diskutanten der Blick weit über den Tellerrand möglich.
(sabi pogo)





